Der traditionellen Lehre zufolge beruht Gesundheit
auf einem ausgewogenen Verhältnis der fünf kosmischen
Zustände - Wind, Hitze, Kälte, Feuchtigkeit und Trockenheit.
Dies gilt sowohl für Heil- wie auch für Lebensmittel.
Für jede Malaise gibt es das passende Rezept, wobei alles,
was die Natur zu bieten hat, ob Pflanze, Tier oder Mineral,
zum Einsatz kommen kann. Der Arzt trifft seine Diagnose nach
einer Untersuchung, die den Gesamtzustand des Patienten berücksichtigt,
und empfiehlt eine Rezeptur, die häufig als Tee aus vielen
verschiedenen Zutaten zusammengekocht wird - die Heilmittelhändler
müssen Tausende davon kennen, manche leicht verfügbar,
wie Chrysanthemenblüten oder Minze, andere selten oder
- aus westlicher Sicht recht ungewöhnlich. Zur Anregung
des Kreislaufs empfiehlt sich die Einnahme eines aus Kräutern,
Obst oder Blumen hergestellten Weins, oft unter Beimischung
von Tierkörperteilen. Es heißt, Kräutertee
mit Insektenteilen wirke gegen Fieber, eine Art Pudding aus
mit Kräutern zusammen gekochtem Schildkrötenpanzer
baue gefährliche innerliche Hitze ab, Katzenfleisch helfe
gegen Gicht ...
 Zu den berühmtesten Mitteln der chinesischen Medizin
dürfte geriebenes Nashorn gehören, das angeblich
die Potenz erhält. Je zarter das Horn, desto strammer
das Ergebnis. Da der Handel mit Rhinozeroshorn verboten ist,
sieht man in den Schaufenstern von Apotheken höchstens
Geweihe oder Hörner anderer Tiere. Eine Alternative bietet
eine aus Hirschgenitalien gekochte Brühe. Was das Horn
für den Mann, ist die zu Staub zerstoßene Perle
für die Frau. Kranke Kinder päppelt man mit einer
Mischung aus Kräutern und getrockneten Hornissen wieder
auf.
Ein sehr verbreitetes Stärkungsmittel ist Ginseng, vorzugsweise
das rote Gewächs aus Korea, aber auch der weiße
Ginseng nordamerikanischer Herkunft. Der besonders seltene
wilde Ginseng aus Nordost-China, dem Chinesen eine übernatürliche
Kraft zuschreiben, wird für Preise gehandelt, die sonst
nur auf der Diamantenbörse üblich sind, und kommt
nur bei Todesgefahr zum Einsatz. Ebenfalls teuer ist der schwarze
Extrakt, der durch das langsame Rösten von Tigerknochen
gewonnen wird. Zur kalten Jahreszeit muß die Yang-Energie
aufgebaut werden, weshalb das als wärmespendend geltende
Schlangenfleisch gern gegessen wird, etwa als Suppe. Reiswein
mit einigen Tropfen Schlangengalle wird auch sehr geschätzt,
da die Galle ein dem Yang zugeordnetes Organ ist. Die Schlange
wird erst nach Bestellung des Weins getötet und die Galle
direkt aus dem noch zuckenden Körper in das Glas ausgequetscht.
Die Wirkung ist dann am größten, wenn die Galle
von besonders giftigen Schlangen benutzt wird, die sich gerade
auf den Winterschlaf vorbereiten.
Um einen Einblick in diese Medizin zu gewinnen, genügt
ein Ausflug zu einem der chinesischen Einkaufsviertel, wie
Yau Ma Tei in Kowloon oder in den Western District der Insel
Hongkong. Die Schlangen in den Käfigen auf dem Bürgersteig
und die vielen traditionellen Apotheken und Kräutergeschäfte
bezeugen, dass die alte Heilkunst auch heute noch hochgeschätzt
wird. |