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Geomantie
Freie Fahrt für gute Drachen
Warum stehen die Türen des Mandarin Hotels und die Rolltreppe
der Hong Kong Bank schräg zur Straße? Warum gibt
es einen Weidenbaum im Garten des Gouverneurs und kleine Spiegel
in den Büroräumen der Justizbehörde? Und warum
musste ein daoistischer Priester bei den Ausschachtungsarbeiten
zum Bau der U-Bahn anwesend sein? Die Antworten liegen in den
Geheimnissen der chinesischen Geomantie, fung shui. |
Fung shui bedeutet "Wind und Wasser".
Während der Song-Dynastie wurde die Geomantie auf der
Basis der viel älteren Lehren der Fünf Elemente Metall,
Erde, Wasser, Holz und Feuer sowie des Yin und Yang-Prinzips
der einander bedingenden Gegensätze zu einem System entwickelt.
Geomantiker ermitteln die günstige Lage für ein Dorf,
ein Grab oder einen Bau, idealerweise einen Südhang mit
Blick auf Wasser und einem bewaldeten Berg im Rücken.
Wenn die natürlichen Voraussetzungen fehlen, kann man
vor dem Haus einen Teich anlegen und dahinter einen Felsen
aufstellen oder hochwachsende Bäume pflanzen. Täler
sind grundsätzlich gefährlich. Der alten Lehre zufolge
lebt die von positiv und negativ ausstrahlenden Adern durchzogene
Erde. Diese Kraftzonen können von magnetischen Feldern
beeinflusst sein, die Adern können dem Verlauf unterirdischer
Wasserläufe folgen. Die Strömungen positiver Kraft
heißt Drachenadern.

Die Hauptverwaltung der Hong Kong Bank im Central District
soll an einer besonders günstigen Stelle stehen, an der fünf
Drachenlinien zusammentreffen. In der chinesischen Mythologie
sind Drachen wohlwollende Wesen, die man aber bei Laune halten
muß. So riet der fung shui-Berater dem Architekten des
Regent Hotels in Kowloon zum Bau eines großen Atrium aus
Glas, damit der Weg der Drachen von den Bergen hinter Kowloon
zum Hafen nicht blockiert werde. Auch die schräge Stellung
mancher Türen soll die ungehinderte Passage der Drachen
garantieren.
So wie man gute Geister ehren soll, dürfen böse
nicht gestört werden, da es sonst zu Epidemien kommt und
die Ernte mager ausfällt. Für den Bau der ersten
Eisenbahntunnels mussten europäische Arbeiter beschäftigt
werden, da die chinesischen Kulis sich weigerten, die Erde
zu verletzen. Zum Glück können böse Geister
nur geradeaus fliegen; eine Mauer hinter einem Toreingang behindert
sie, eine Pagode hat abschreckende Wirkung. Auch bei der Gestaltung
von Innenräumen erteilen Geomantiker Ratschläge.
Die geschickte Plazierung von lebenden Wesen, zumeist Topfpflanzen
und Goldfischen, schützt vor Unglück. An besonders
gefährdeten Stellen empfiehlt es sich, unheilbringende
Kräfte mit schweren Möbeln zu unterdrücken.
Vom Wasser oder den Glaswänden eines Hochhauses gespiegeltes
Licht gilt als äußerst schädlich. Diese Tatsache
liefert die Erklärung sowohl für den Weidenbaum im
Garten des Gouvernment House, welcher die bösen Einflüsse
der Glasfassade der Bank of China abwehren soll, wie auch für
die Spiegel in Beamtenstuben, die von den Fenstern des amerikanischen
Konsulats reflektiertes Licht fernhalten. Auch hartgesottene
Geschäftsleute und Skeptiker aus dem Westen fügen
sich den Gesetzen von fung shui. Selbst wenn sie nicht überzeugt
sind, so müssen sie doch die Ansichten ihrer Arbeitnehmer
und Investoren berücksichtigen. Schließlich haben
die Geomantiker des öfteren die Entwicklung des Hang Seng-Aktienindexes
mit beruhigender Genauigkeit vorausgesagt. |