Die Firma Jardine, Matheson & Co. verkörperte
wie keine andere diese Tradition und wurde zur Legende, die
der Autor James Clavell in zwei Bestseller-Romanen verklärte.
Unter allen Handelshäusern, den sogenannten hongs, hieß Jardine,
Matheson & Co. "fürstlicher hong", weil
die Firma immer das Schnellste und Beste besaß und über
großen Einfluß in der Kolonie verfügte.
Gründer des Unternehmens waren zwei gottesfürchtige,
aber in Geschäften alles andere als zimperliche Schotten,
die es durch den Opiumhandel zu großem Reichtum brachten.
William Jardine diente von 1802 bis 1816 als Schiffsarzt der
East India Company. Die Ärzte der Company genossen das
Privileg, Frachtraum für sich zu beanspruchen und in eigener
Sache Handel zu betreiben. Auf diese Weise verdiente der tüchtige
Jardine genug, um sich selbständig zu machen. Nach 1820 übernahm
er eine Firma in Kanton, die sich hauptsächlich am Handel
mit Rhabarber, einem damals von Europäern hochgeschätzten
Abführmittel, und Kampfer beteiligte. Jardine sah jedoch
einträglichere Möglichkeiten im Opiumhandel und schloß sich
mit James Matheson zusammen.
Gemeinsam wurden sie nach 1830 die führenden Persönlichkeiten
unter den europäischen Kaufleuten in Kanton, damals ein
gefährliches Pflaster. Der zähe Jardine bekam einmal
von einem Angreifer einen Schlag an den Kopf, den er so wenig
beachtete, dass er unter Chinesen den Spitznamen "alte
Ratte mit Eisenschädel" erhielt. In seinem Büro
gab es, damit alles zügiger ging, keinen Stuhl für
Besucher. Die Firma besaß die ersten Dampfschiffe in
chinesischen Gewässern und baute die schnellsten Segelschiffe,
um Opium von Bombay und Kalkutta zu transportieren. Seit Aufhebung
des Tee-Monopols der East India Company im Jahre 1833 war Jardine,
Matheson & Co. auch an diesem Handel beteiligt.
Jardine kehrte 1839 nach Großbritannien zurück,
wurde Parlamentsmitglied und war federführend unter den
Lobbyisten, welche die Regierung zu einem harten Kurs gegen
China drängten. Die Strategie des Feldzugs von 1842, der
China zur Eröffnung des Handels zwang, folgte im wesentlichen
Jardines Vorschlägen. Nach seinem Tod 1843 fiel sein Parlamentssitz
an Matheson, der geadelt wurde und sich nach Schottland in
den Ruhestand zurückzog.
Jardine, Matheson & Co. gehörte zu den ersten Firmen,
die von Macau nach Hongkong umsiedelten. Schon 1841 erwarb
man ein Grundstück am Meer in Causeway Bay und baute eine
kleine Stadt, mit Wohn- und Lagerhäusern, Kais, Werkstätten
sowie Stallungen. Nichts davon blieb erhalten. In Causeway
Bay erinnern an diese Zeit nur das Noonday Gun-Signal und einige
Straßennamen. Die Neffen der Gründer dehnten die
Geschäfte auf Shanghai und Yokohama aus und betätigten
sich in immer mehr Branchen: Eisenbahnbau, Versicherung, Zucker-
und Textilienfabriken, Bergbau sowie Produkte des China-Handels.
In den großen Tagen der Klipper besaß Jardine,
Matheson & Co. einige der berühmtesten Segelschiffe.
Im Jahre 1858 gewann der Teeklipper "Cairngorm" das
Tea Race von Indien nach London in der Rekordzeit von 93 Tagen;
1872 kam der Ausstieg aus dem Opiumhandel.
Die Führungskräfte des Konzerns, die taipans, stammten
sieben Generationen lang, bis in die 70er Jahre, aus den Gründerfamilien
der Firma oder waren angeheiratet. Auch sie lebten, dem Luxus
keineswegs abhold, in großem Stil. Einer kaufte sich
nach dem Ersten Weltkrieg einen noch unvollendeten Zerstörer
der königlichen Marine, den er sich als Privatjacht umbauen
ließ.
Nach der Machtübernahme der Kommunisten in China wurden
sämtliche Besitztümer des Konzerns auf dem chinesischen
Festland enteignet. Jardine, Matheson & Co. erholte sich
jedoch von diesem Schlag, diversifizierte in anderen Ländern
und ging in den 60er Jahren an die Börse. Zwar ist das
Unternehmen nicht mehr der größte Konzern in Hongkong,
doch es gehört noch zu den bedeutendsten der Region. So
schlug 1984 die Nachricht, dass Jardine, Matheson & Co.
seinen Hauptsitz auf die Bermudas verlegen wolle, wie eine
Bombe ein. Obwohl die Maßnahme kein echter Umzug war,
sondern angeblich aus steuerlichen und juristischen Erwägungen
geschah, trug sie zur damaligen Verunsicherung in der Kolonie
bei. Die erste Beunruhigung hat sich gelegt, das "Schicksalsjahr" 1997
naht, und der "fürstliche hong" investiert noch
immer beträchtliche Kapitalsummen in Hongkong - ein nüchterner
Mischkonzern eben und nicht nur der Stoff von Romanen. |