Auch heute tragen viele Amulette aus Jade -
Männer in einem Fingerring mit Goldfassung, Frauen meist
an einer goldenen Halskette -, um gesund zu bleiben und sich
vor bösen Geistern zu schützen. Bei älteren
Frauen und Säuglingen werden Armbänder bevorzugt.
Chinesen, die bei einem Unfall knapp dem Tode entronnen sind,
erzählen, ihr Jade-Amulett habe dabei einen Riß bekommen,
als sei die Kraft der Jade verbraucht. Dem Stein werden nicht
nur magische, sondern auch symbolische Eigenschaften zugeschrieben.
So sei Jade leuchtend wie die Reinheit, transparent wie die
Wahrheit, ihre strahlende Festigkeit ein Sinnbild für
Gerechtigkeit, Mut oder Weisheit. Diese Tugenden sollen sich
auf den Besitzer übertragen und ihm seine unreinen Eigenschaften
nehmen. In früheren Jahrhunderten hieß es sogar,
mit dem Morgentau vermengtes Jadepulver sollte Unsterblichkeit
verleihen.

Unter dem Begriff Jade versteht man zwei verschiedene Mineralien.
Die gewöhnlichere Sorte, Nephrit, besteht aus Kalzium-Magnesium-Silikat
und wird seit vielen Jahrhunderten in China gewonnen. Erst
seit dem 18. Jahrhundert ist Jadeit, ein Natrium-Aluminium-Silikat
aus dem Norden Birmas, bekannt. Jadeit wird mehr geschätzt
als Naphrit, weil es dichter, härter und seltener ist.
Für beide ist Grün die häufigste Farbe, aber
es kommt auch weiße, violette, honig- und rosafarbene,
gelbe und sogar schwarze Jade vor. Jade ist hart, fühlt
sich dennoch weich, kühl und geschmeidig an und lässt
sich zu zierlichen Formen bearbeiten. Die wertvollste Jade
hat eine weißlich-grüne Farbe, ist feinkörnig
und durchscheinend.
Die frühesten Gegenstände aus Jade stammen aus Gräbern
um 5000 v. Chr., in den Archäologen Äxte, Pfeilspitzen,
kleine Vögel oder auf Tote gelegte Scheiben aus Jade entdeckten.
Während der Han-Zeit (202 v. Chr. - 220 n. Chr.) führte
der Glaube an die schützende Wirkung zur Anfertigung von
Anzügen aus 2000 und mehr Jade-Plättchen, um Tote
vor der Verwesung zu bewahren und das Wohlergehen verstorbener
Könige im Jenseits sicherzustellen. Jedes Zeitalter schuf
charakteristische Objekte. Seit dem 5. Jahrhundert unserer
Zeitrechnung waren Plastiken, Menschen- wie Tierfiguren populär,
während der Song-Zeit (960 - 1279) Schalen in Blütenform,
zur Zeit der Ming- und Qing-Dynastien immer größere
und kompliziertere Kunstwerke, bis hin zu Landschaftsszenen
mit Bergen und Wasserfällen, die aus großen Blöcken
gehauen wurden.
Wenn auf dem Jade-Markt in der Kansu Street auch die Schätze
des Kaiserhofs fehlen, so findet man trotzdem Jade in allen
nur erdenklichen Erscheinungen. Beliebt sind Tierfiguren, aber
auch die unterschiedlichsten Schmuckartikel, Ringe und Scheiben
sowie Götterstatuen werden angeboten. Der hohe Wert eines
schön bearbeiteten Objekts aus reiner Jade führt
natürlich zu Fälschungen. Echte Jade nimmt bei Erwärmung
keine Hitze an und lässt sich mit dem Fingernagel nicht
zerkratzen. Wassertropfen zerlaufen nicht auf der Oberfläche. Überall
auf dem Markt wird energisch gefeilscht. Wenn es aber um ein
kostbares Stück geht, dann waltet sorgfältigste Diskretion,
und die Verhandlung wird in einer nur Eingeweihten bekannten
Zeichensprache geführt. |