Schmugglerware fand und findet regen Absatz
im chinesischen Hinterland, und seitdem Seehandel betrieben
wird, überfallen Piraten reich beladene Schiffe. Als Anerkennung
ihrer Verdienste im Kampf gegen japanische Piraten erhielten
die Portugiesen Mitte des 16. Jahrhunderts die Erlaubnis, sich
in Macau niederzulassen.
Seit dem späten 17. Jahrhundert war der Widerstand gegen
die Qing-Dynastie kaum von Piratentum zu unterscheiden. Der
berühmteste Seeräuber der Region, Cheung Po-tsai,
war ein Gegner der Qing, der zeitweise über 270 Schiffe
und 30000 Männer befehligte. Als Sohn eines Fischers wurde
er in den Dienst des Piratenkönigs Cheng Yat gezwungen
und übernahm das Kommando der Flotte von Cheng Yat nach
dessen Tod im Jahre 1808. Er verlangte Schutzgelder von Kaufleuten
in Kanton und plünderte europäische Schiffe, hatte
aber den Ruf, seine Gefolgsleute und die armen Bewohner der
Küstendörfer gut zu behandeln. Cheung wird besonders
mit der Insel Cheung Chau in Verbindung gebracht, besaß aber
weitere Stützpunkte auf Lantau und der Insel Hongkong.
Bezwungen wurde der Pirat schließlich durch die Entschlossenheit
des Vizekönigs der Provinzen Guangdong und Guangxi, Pai
Ling, der die Küstenbevölkerung bewaffnete, den Handel
teilweise über Land umlenkte und sich mit den Briten und
Portugiesen verbündete. Im Jahre 1810 ergab sich Cheung
angesichts der Übermacht seiner Gegner. Er wechselte die
Fronten und säuberte fortan im Auftrag von Pai Ling die
ihm bestens bekannten Piratennester, deren Anführer nicht
aufgeben wollten.
Anfang des 19. Jahrhunderts leisteten britische Händler
ihren Beitrag zur Gesetzlosigkeit der Region, indem sie Opium
nach China schmuggelten. Nach Gründung der Kronkolonie
Hongkong 1841 gingen der illegale Handel sowie der Kampf gegen
Piraten weiter. Die britische Marine und die Nachfolger von
Cheung Po-tsai lieferten sich zahllose Seegefechte. Doch nicht
alle Seeräuber waren Chinesen. Im Jahre 1851 wurde der
Engländer William Fenton, sechs Jahre später der
berüchtigte Amerikaner Eli Boggs gefangengenommen. Boggs,
der mit einer Flotte von 30 Schiffen die Kapitäne des
Perlflusses in Schrecken versetzt hatte, soll zahlreiche Gefangene
ermordet oder über Bord geworfen haben.
Bis in das 20. Jahrhundert setzten sich die Gewalttaten fort.
Im Jahre 1912 überfiel eine Bande aus Macau die Polizeistation
auf Cheung Chau und tötete drei indische Polizisten. Während
des Generalstreiks von 1925 wurden Passagiere einer Fähre
als Geiseln genommen und erst freigelassen, nachdem die Zusendung
von abgetrennten Ohren Verwandte zur Zahlung eines beträchlichen
Lösegeldes veranlasst hatte. Noch in den 30er Jahren führten
Passagierdampfer nach Kanton Maschinengewehre auf der Brücke.
Im Zweiten Weltkrieg waren Banditen und Piraten die faktischen
Herrscher mancher Gegenden in den New Territories, und nach
Kriegsende erlangte Hongkong den zweifelhaften Ruhm, Schauplatz
der ersten Flugzeugentführung zu sein. Im Jahre 1948 überwältigten
vier Luftpiraten den Kapitän eines Flugboots zwischen
Hongkong und Macau. Im Handgemenge erschossen sie ihn, die
Maschine stürzte ins Meer.
Nach dem Ende des chinesischen Bürgerkriegs 1949 wurde
den gewalttätigen Banden das Handwerk gelegt, das Schmuggeln
blieb jedoch höchst profitabel. Gold aus Macau und Opium
aus dem Goldenen Dreieck gelangten über Hongkong in alle
Welt. Und seit der 1978 begonnenen wirtschaftlichen Liberalisierung
in der Volksrepublik entstehen neue Geschäftszweige. Neureiche
in Kanton und der Küstenregion lassen schwer lieferbare
oder infolge exorbitanter Importzölle hochpreisige Güter über
Hongkong heimlich einführen. Dabei wirken, wie zur Zeit
der Kaiser, korrupte Beamte mit. Im Jahre 1992 wurden 6900
Autos in Hongkong gestohlen und nur die Hälfte der Fälle
aufgeklärt. Mit Vorliebe nehmen die Diebe Luxusautos aus
Japan und Deutschland, fahren sie in einem Lastwagen zu einer
ruhigen Bucht und laden sie auf Schnellboote. Sogar Piraten
sorgen wieder für Schlagzeilen und erhöhte Versicherungsprämien.
Im Südchinesischen Meer und in der Straße von Malakka
entern sie Frachter, ermorden Besatzungsmitglieder und erbeuten
den Inhalt der Schiffstresore. Die Tradition lebt fort. |