Es ist gestern spät geworden, nachdem ich noch Nachtaufnahmen
von der wunderschönen Skyline von Hong Kong Island gemacht
habe. Immerhin sind die Gebäude zurzeit nicht nur beleuchtet,
sondern auch mit gigantischen Weihnachtsmotiven aus Licht und
Neon geschmückt. Ein lohnendes Fotomotiv, welches man
sehr gut von einem Besuchersteg am Clock Tower in Tsim Tsa
Tsui aus fotografieren kann.


Ich möchte mir daher heute etwas Ruhe gönnen – etwas
länger schlafen (immerhin habe ich ja Urlaub) und Energie
tanken, da es heute etwas später werden könnte – die
erste Einladung zum Essen steht an.
Zum ersten Mal in den Tagen, seit dem ich in Hongkong bin,
lasse ich mir wirklich viel Zeit beim Frühstück und
studiere einmal nicht Reiseführer und Stadtpläne
zwischen Kaffee und internationalem Frühstück. Da
ich heute meine Freundin am Flughafen abholen soll, möchte
ich vorher nur etwas durch die Straßen schlendern – „Window
Shopping", wie es hier genannt wird, etwas was mir in
Deutschland eigentlich nie in den Sinn kommen würde.
Die Nathan Road in Tsim Sha Tsui ist eine Hochburg, wenn es
darum geht als Tourist etwas zu Shoppen. Zwar ist die Auswahl
in meinen Augen nicht ganz so groß wie in Causeway Bay,
doch bieten zahlreiche Souvenir Shops, der Hafen und natürlich
zahlreiche Klamottenläden und Edelboutiquen ein reichhaltiges
Angebot.

Gegen Mittag nutze ich den Shuttle-Bus des Hotels, um zum
Flughafen zu kommen – irgendwie bin ich etwas lauffaul
durch die letzten Tage geworden und die Füße melden
sich zum ersten Mal um etwas Ruhe zu bekommen.
Es wird wohl eine halbe Stunde gedauert haben, bis wir am
Flughafen ankommen. Die gigantische und helle Abflugs- und
Ankunftshalle ist belebt und es wimmelt wie in einem Ameisenhaufen.
Die Weihnachtsfeiertage stehen vor der Türe. Die einen
wollen noch schnell nach Hongkong oder weiter nach China kommen
und die anderen entsprechend umgekehrt nach Europa, USA oder
Australien.
Ich habe noch etwas Zeit und nutze die großen Buchläden,
um nach geeigneten Büchern über Hongkong zu sehen
und mir in einem der zahlreichen Bistros und Restaurants noch
eine Kleinigkeit zum Essen zu besorgen.

Ich habe schon fast das Gefühl vergeblich auf meine Freundin
zu warten – eigentlich sollte sie schon längst angekommen
sein – haben ich sie verpasst in der Menschenmenge die
alle jemanden abholen wollen? Es dauert nochmals über
eine Stunde, als mir plötzlich jemand auf die Schulter
tippt. Als ich mich umdrehe, steht sie vor mir und schaut mir
traurig in die Augen: „Die haben meinen Koffer und mein
Gepäck verloren" ist alles, was über Ihre Lippen
kommt – kein „Grüß Gott" und kein „Hallo".
Nachdem Ihr bereits beim Umsteigen in Paris die Handtasche
geklaut wurde, stand Sie nun da ohne jegliches Gepäck
und ohne Papiere. Es war sicherlich nicht fair als ich in diesem
Moment lachen musste, doch bislang war ich es der das Pech
für sich gemietet hatte …
Inzwischen ist auch Ihr Bruder mit Familie eingetroffen. Er
wohnt in Hongkong und wird sich nun zusammen mit Ihr darum
kümmern, dass das Gepäck noch gefunden wird, um dann
zu ihm nach Hause gebracht wird. Sui (meine Freundin) wird
bei ihm wohnen, solange sie in Hongkong ist.
Ich habe nicht auf die Uhr gesehen, wie lange alles gedauert
hat – auf jeden Fall ist es spät geworden und die
erste Einladung steht an – Sui wurde von Ihrer ehemaligen
Schulklasse eingeladen und „darf" mich mitbringen.
Die erste Einladung und ich verstehe kein Wort …
Wir hatten uns bereits in Deutschland darauf geeinigt, dass
Sui mir alles übersetzen wird, was ich nicht verstehe – immerhin
wird in Hongkong nicht nur englisch gesprochen, sondern auch
Mandarin und Kantonesich.
Ich habe mir wie so viele Besucher Hongkongs zwischenzeitlich
eine leichte Erkältung eingefangen – kein wunder,
wenn man bedenkt, dass hier zu jeder Jahres- und zu jeder Tages-
und Nachtzeit die Klimaanlagen überall um den kühlsten
Platz in Hongkong wetteifern.
Nachdem wir mit dem Taxi vom Flughafen nach Central gefahren
sind, besorgen wir auf dem Weg zum Restaurant bei „Watsons" noch
etwas gegen meine Erkältung. Watsons ist unter anderem
eine Drogerie-Kette, die auch Medikamente die bei uns rezeptpflichtig
wären verkaufen dürfen. Durch meine „Dolmetscherin" geht
alles wesentlich schneller – es macht wohl doch einen
großen Unterschied, welche Haarfarbe man hat und welche
Sprache man spricht …

Die Medikamente „eingeworfen" betreten wir auch
schon das Lokal, in dem das Klassentreffen stattfindet. Leider
weiß ich nicht mehr wie viele Augenpaare mich angesehen
haben – aber es waren genug, um doch etwas eingeschüchtert
zu sein – und Ihre ehemalige Klasse bestand nur aus Frauen …
Ich lasse mir nicht alles übersetzen – es ist einfach
zu viel und zu schnell, wie gesprochen wird – die Hektik,
die tagsüber in den Straßen zu spüren ist,
scheint sich auch auf das Sprechverhalten der Einwohner Hongkongs
zu übertragen – nur, wenn ich wieder einmal das
Gefühl habe, dass über mich gesprochen wurde, lasse
ich es mir übersetzen – und das war schon oft genug …
Ich hatte mich so auf richtiges und typisches Essen in Hongkong
gefreut und habe nun doch kaum etwas davon. Zum einen habe
ich mir durch meine Erkältung eine Magenverstimmung eingefangen,
zum anderen bestätigt sich heute, dass in Hongkong oder
China, das Auge wohl nicht immer mitisst. Manches, was hier
als Delikatesse auf den Tisch kommt, scheint für den ungeübten
Besucher nicht geeignet zu sein und wird auch nicht wie in
deutschen Chinarestaurants hübsch angerichtet. Spätestens
bei den gekochten Entenfüßen muss ich passen – ich
esse lieber etwas Reis, was auch meinem Magen sicherlich besser
bekommt …
Es ist spät als sich die Runde langsam auflöst,
eine herzliche und freundliche Runde – keine Frage, aber
ich bin auch müde und freue mich doch langsam in mein
Hotel zu kommen. |