Nachdem meine Freundin in Hongkong angekommen
war, sollte ich endlich einen erfahrenen Scout an meiner Seite
haben. Interessiert
an Land und Leute und selbstverständlich an Ihrer eigenen
Herkunft, geht es heute langsam aber sicher nach Kennedy Town.
Kennedy Town ist der Stadtteil, in dem sie aufgewachsen ist
und noch heute ihre Schwester wohnt. Dies ist auch gegen Spätnachmittag
unser Ziel, nachdem ich ihren Stadtteil gezeigt bekommen habe.
Sui (meine Freundin) kam morgens ins Hotel um mich abzuholen.
Nach einem gemeinsamen Frühstück im Hotel und einer
kurzen Besprechung wie der Tag heute in etwa ablaufen wird,
machten wir uns zunächst mit der Star Ferry auf den Weg
nach Hong Kong Island. Die Star Ferry war zugleich ein wichtiger
Punkt in Ihrem Leben – war es doch das Verkehrsmittel,
welches sie morgens zur Arbeit brachte und abends wieder nach
Hause.
Von der Anlegestelle in Central ging es erst einmal zum Elevator,
da Ihre zweite Schwester in einem der zahlreichen zahnstocherartiken
Wohnhochhäuser wohnt. Angetroffen haben wir sie leider
nicht, was im Grunde auch nicht verwunderlich war, da trotz
Vorweihnachtszeit die Menschen bis zu den eigentlichen Weihnachtsfeiertagen
ganz normal ihrer Arbeit nachgehen.
Wir fuhren mit dem Elevator bis zum Ende um von dort aus dann
zu Fuß zu Ihrer alten Schule zu Galangen. Irgendwie,
obwohl es sich um ein ganz normales Gebäude handelte, überkam
einen dennoch nicht das Schulgefühl wie bei uns. Vielleicht
lag es daran, dass das gesamte Gelände hermetisch gegen
Fremde abgeriegelt war. Zumindest von der Straße aus
konnte Sie mir jedoch zeigen und erklären, wie es damals
war und ich bekam einen weiteren Einblick in ihr damaliges
Leben.
Von der Schule ging es hinab Richtung Central um etwas Windowshopping
zu betreiben. Immerhin waren wir noch viel zu früh dran,
um schon nach Kennedy Town zu gehen. Nach zahlreichen Geschäften
und unzähligen Straßen und Gassen kamen wir in die
Centre Street im Bezirk „Sai Ying Poon", der leider
auf den normalen, für Touristen erhältliche Stadtpläne,
nicht aufgeführt ist.
Essen in einem typischen Hongkong Restaurant
Zugegeben, die kleinen Restaurants, die man bei uns eher einen
Imbiss nennen würde, habe ich solange ich alleine in
Hongkong war gemieden. Dem westlichen Betrachter kamen diese
Lokalitäten doch ziemlich „spanisch" vor.
Ist man der chinesischen Sprache nicht mächtig, erscheint
es einem unmöglich herauszufinden, was man denn alles
bestellen kann (englisch sprachige Speisekarten gibt es meist
nur auf Nachfrage – sofern überhaupt vorhanden).
Darüber hinaus sieht man nie einen Europäer oder
eben „nicht Chinesen" in diesen Restaurants.

Dies, zumindest meine Erfahrung, ist ein großer Fehler.
Durch die sprachliche Unterstützung von Sui kam ich nun
in diesen kulinarischen Genuss. Einfache, aber zum Verlieben
gut schmeckende Gerichte und dazu ein Getränk, kosten
hier gerade einmal umgerechnet zwei Euro – und das in
einer Millionenmetropole! Der Kaffee ist der beste den ich
jeh und bis jetzt getrunken habe - es war klar, dass ich in
den kommenden Tagen in dieser Art Restaurants die überall
in Hongkong zu finden sind öfters essen und vor allem
Kaffee trinken werde. Ich selbst kann es nicht verstehen, dass
hier arbeitende Europäer, Australier und Amerikaner sich
diesen Genuss weitestgehend entgehen lassen.
Warmer Nachtisch
In derselben Straße kamen wir an einem unscheinbaren
weiteren „Restaurant" vorbei, was ebenfalls etwas
Besonderes ist. Dieses Restaurant stellt die besten Nachtische
in Hongkong her. Selbst die „oberen 10.000" Hongkongs
kommen oft nach einem Dinner in einem Nobelrestaurant in dieses
Restaurant, um hier den Nachtisch zu sich zu nehmen. So kann
man in diesem Viertel und vor allem in dieser Straße
ab 21 Uhr durchaus Nobelkarossen und Luxusschlitten wie an
einer Perlenschnur aufgereiht beobachten, die das Viertel „Sai
Ying Poon", welches vor dem zweiten Weltkrieg auch das
Rotlichtviertel Hongkongs beherbergte, beleben.

„Kann man das essen?“
Eigentlich war ich ja satt, aber wenn es sich hier um die besten
Nachtische Hongkongs handeln soll, dann muss ich dies natürlich
auch selber testen …

Wir betreten das Lokal und es überkommt einen das Gefühl
einer Bahnhofsgaststätte. Die Einrichtung lässt alles
andere als auf einen Insider-Tipp schließen – aber
Sui muss es schließlich wissen. Wir nehmen an einem der
billigen Tische mit ebenso billigen Stühlen Platz und
ich lasse mich beraten, was denn nun am besten zu wählen
wäre.
Vom Geschmack her wurde mir eine schwarze Sesamsuppe empfohlen
war mich umgehend stutzig machte. Suppe? Nachtisch? Ok, Nachtisch
wird hier mit Ausnahme von Eis, (welches ja nicht typisch ist)
ebenfalls warm gegessen. Ich sollte mir aber die Suppe zunächst
ansehen, bevor ich sie bestelle …
Dem Koch kann man zusehen und ich bekomme einen Blick in einer
der großen Töpfe. Sorry, aber das Erste an was ich
dachte ist ein Topf mit „Dünnschiss", der sich
mir hier offenbarte. Nun ja, man ist ja mutig und bestellt
trotz des ersten, nicht gerade überzeugenden Eindrucks.
Der Eindruck hat getäuscht – wenn ich nicht schon
satt hier angekommen wäre und zudem diese schwarze Sesamsuppe
zudem unheimlich sättigend wäre, man hätte sich
mit dem Löffel auch direkt neben dem Topf setzen können
um eine ausreichende Portion zu bekommen.
Ich brauche Medizin
Die letzten Tage in den viel zu weit heruntergekühlten
Geschäften und Gebäuden haben mir den Ansatz einer
Erkältung eingebracht. Sui nimmt dies zum Anlass, mir
auch gleich eine richtig chinesische Apotheke zu zeigen.

Die Einwohner Hongkongs schwören auf diese Einrichtungen,
die mehr als nur eine Apotheke sind, da der Arzt sich ebenfalls
dort befindet. Nach einer Untersuchung von Puls, Gesicht, Zunge
und einem persönlichen Gespräch bekommt man auch
schon die komplette Diagnose. Teure Geräte sind dazu nicht
notwendig (unsere Krankenkassen würden sich freuen) und
man bekommt einen Zettel, auf dem die Zutaten für die
speziell zusammengestellte Medizin aufgeführt sind. Diesen
gibt man dann lediglich dem Apotheker weiter der diese dann
entsprechend mischt.
Gut, es ist vielleicht besser man weiß nicht, was alles
enthalten ist, denn es werden nicht nur Kräuter zur Herstellung
von Medizin verendet, was man in den schön dekorierten
Vitrinen auch durchaus bestaunen kann.

Nach wenigen Minuten ist alles vorbei – keine lange
Warteschlangen und keine Krankenscheine. Man hat ja die Medizin,
die einem helfen soll. Ja, die Medizin schmeckt alle andere
als gut und musste in meinem Fall auch noch sehr heiß genommen
werden – aber, und das muss ich sagen, es hat wirklich
geholfen. Den Rest meines Aufenthaltes hatte ich keinerlei
Probleme mehr!
Kennedy Town
Dieses Viertel ist ein rein chinesisches Viertel. Hier sind
weder Touristen untergebracht, noch wohnen hier „Nichtchinesen“ die
in Hongkong arbeiten. Selbst „Mischehen“ findet
man hier nicht. Entsprechend ist auch das Ambiente, welches
man sich nicht entgehen lassen sollte.

In der "Smith Road" findet man einen über zwei
Stockwerke gehenden, überdachten Markt, der bis vor ein
paar Jahren noch nicht überdacht war. Man findet alle
Arten von Lebensmittel und ebenso viel Exotisches, welches
den meisten von uns sicherlich noch nie unter die Augen gekommen
ist. Durch das Fehlen von Touristen sind hier die Preise wesentlich
günstiger als zum Beispiel in Central.
Mit „Händen und Füßen“ und etwas
Englisch, kann man hier auch als Europäer gut einkaufen.
Ein Kilo bestes Schweinefilet kostet gerade einmal einen Euro
und ist damit auch als Ausgangspunkt für einen Trip nach
Repulse Bay eine ideale Adresse.
Ich selbst kaufe ein totales Durcheinander. Es war ausgemacht,
dass ich alleine einkaufe und Sui mit Ihrer Schwester dafür
aus dem von mir Gekauften ein Essen „basteln" müssen.
Zugegeben eine seltsame Art sich der chinesischen Küche
zu nähern, aber da Chinesen aus allem eine wohlschmeckende
Mahlzeit zaubern können, eine durchaus spaßige Variante.
Ein Teeladen mit Traumpreisen
Wir sind immer noch zu früh dran um zur Esther (die Schwester
von Sui) zu gehen. Zudem hat nun ein kleiner Teeladen in der "Belcher's
Street" nun geöffnet.

Der Inhaber Parker Lam, zeigt uns in allen Einzelheiten, wie
man richtig Tee zubereitet, was dabei zu beachten ist und lässt
uns von diversen Teesorten kosten.

Teeliebhaber und Freunde von gutem Porzellan sollten diese
Adresse auf jeden Fall aufsuchen. Die Geschäfte in Tsim
Sha Tsui verlangen für zum Teil minderwertigere Qualität
das doppelte bis dreifach des Preises. Zudem macht es Spaß Herrn
Lam zuzusehen und sich in dem kleinen Laden aufzuhalten.
Abendessen
Nun geht es weiter zu Esther – vorbei noch an einem weiteren „China
Imbiss" der auch zugleich die besten Waffeln, die ich
jeh gegessen habe anbietet. Wir werden bereits erwartet und
ich bekomme die ganze Herzlichkeit dieser Einwohner zu spüren.
Den ganzen Abend habe ich zu keiner Zeit das Gefühl hier
fehl am Platz zu sein oder gar unerwünscht. Es ist schön
so herzlich willkommen geheißen zu werden.
Das Abendessen, welches aus den von mir gekauften Zutaten
zubereitet wurde, war ein voller Erfolg. Es stimmt also, dass
man aus noch so seltsamen Zusammenstellungen köstliche
Speisen zubereiten kann, wenn man es versteht, zu kochen …
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