Die morgendliche Planung war heute etwas umfangreicher.
Ich hatte wieder einmal zwischen dem internationalen Frühstück
im Hotel und dem in Mengen fließenden Kaffee meinen Stadtplan
von Hongkong ausgebreitet. Heute, am Tag des heiligen Abends,
den die meisten in familiärer Runde verbringen und davor
der alljährliche Weihnachtsstress sich seinem Höhepunkt
zuneigt, möchte ich mir unter anderem ein paar der vielzitierten
Märkte in Hongkong ansehen. Um eine möglichst effektive
Tour zu erhalten, erscheint mir der Stadtplan als willkommene
Hilfe, da darauf auch die Haltestellen der MTR eingezeichnet
sind. Zugegeben – auch wenn in den letzten Tagen nicht
wie eintypischer Wanderer ausgesehen habe – mit meiner
Fotoausrüstung waren die Strecken der letzten Tage dennoch
recht enorm.
Bevor es jedoch zu den Märkten gehen soll, muss ich die
Gunst der frühen Morgenstunde nutzen, um zum „Tin
Hau Temple“ zu kommen, denn meine Zukunft würde
ich gerne ebenfalls erfahren, nachdem ich den Göttern
entsprechend gehuldigt habe.
„Tin Hau Temple“
Die mittlere Halle ist der daoistischen Schutzgöttin der
Fischer, Tin Hau, gewidmet, die als junges Mädchen ein
Fischerboot in einem Sturm gerettet haben soll. Links davon
steht der Tempel von „Shing Wong", dem Gott der
Stadtbewohner, rechts der Tempel der buddhistischen Göttin
der Barmherzigkeit, „Kwum Yum". Auch Schreine der
Erdgöttin sind innerhalb der Anlage zu sehen.

Stadtplan Hongkong © hot-maps
Gerade jetzt zur Weihnachtszeit finden sich hier viele Menschen
ein, um zu beten und sich die Zukunft vorhersagen zu lassen.
Zahlreiche Verkäufer und Verkäuferinnen bieten Räucherstäbchen
jeglicher Art und Größe an – auch ich kann
dem nicht Kauf entsprechender Opfergaben nicht widerstehen.
Hinter dem großen Eingang geht es einen schmalen Weg
(vorbei an einer Spendenkasse) hinauf zur eigentlichen Anlage.

Auch wenn es noch früh am Morgen ist, so ist die Anlage
schon sehr gut besucht – man muss sich schon etwas gedulden,
will man die gerade gekauften Gebets- oder „Räucherstäbchen" an
einer der Feuerstellen entzünden, bevor man zur eigentlichen
Gebetsstätte geht. Aus Rücksicht vor den dort Betenden
habe ich es vorgezogen nicht zu fotografieren. Ich bin der
festen Meinung, dass dies uns während eines Gottesdienstes
auch nicht gefallen würde.

Hat man die entzünden Gebetsstäbchen entsprechend
verteilt (ich habe mich dabei an den vielen Menschen orientiert),
kann man noch aus einem großen Becher ein Stäbchen „schütteln",
mit dessen Nummer man dann zu einem der zahlreichen Wahrsager
gehen kann.
Meine Zukunft für das kommende Jahr sollte nicht sehr
vielversprechend werden. Gut, richtig Negatives würde
nur passieren, wenn ich nicht noch einmal für eine Wende
beten und spenden würde – aber richtig gut soll
das kommenden Jahr dennoch nicht werden. Der Tempel als solches
ist in meinen Augen nicht so schön wie viele Andere in
Hongkong, durch seine Größe und den vielen Menschen
jedoch dennoch ein lohnenswerter Besuch.
Bird Garden (oder auch Vogelmarkt genannt)
Bird Garden, Ecke Yuen Po Street

Stadtplan Hongkong © hot-maps
In einem kleinen,
aber hübschen Vogelgarten lassen ältere Chinesen
ihre Vögel singen und frische Luft schnappen. Der kleine
Vogelmarkt, wo Sperlinge, Finken und andere Sing- und Ziervögel
in eleganten kleinen Käfigen oder großen Massen-Käfigen
zum Verkauf angeboten werden. Frisches Vogelfutter in Form
von lebenden Heuschrecken ist hier ebenso zu haben, wie allerlei
nützliches und kitschiges Zubehör für den
heimischen Käfig.
 Wer am frühen Morgen aufkreuzt, kann zusehen, wie man
Singvögel mit Chopsticks mästet. Ältere Herren
diskutieren angeregt über ihre kleinen Piepmätze,
die sie im sorgfältig aufpolierten Vogelkäfig mit
sich spazieren tragen.

Ein gemütlicher Spaziergang durch den Garten und den
Markt kann ich gut empfehlen – es ist von der Hektik
der umgebenden Stadt an diesem Ort absolut nichts zu merken
und die zahlreichen „Stammgäste“ der Rentner,
strahlen zudem eine angenehme Ruhe aus. Ich kann nicht mehr
sagen, wie lange ich mich hier aufgehalten habe – aber
die wenigen Sonnenstrahlen die immerhin zu Weihnachten hier
einzufangen waren, haben es mich nicht merken lassen, wie die
Zeit vergeht.
Flower Market
Gerade etwas die Straße vom Bird Garden hinab liegt der
lebendigen Blumenmarkt, wo es vor allem morgens in allen Farben
leuchtet und strahlt. Die Buden uns Geschäfte säumen
die Flower Market Road und verkaufen eine große Auswahl
exotischer Blumen – ein wunderbarer farbenfroher Anblick
und auch ein geeignetes Fotomotiv.

Stadtplan Hongkong © hot-maps
Einzelne Blumen sind schwer zu bekommen, denn hier decken
sich vor allem die Händler der ganzen Stadt ein – nicht
zu vergessen die Ausstatter der Hotels und Restaurants. Natürlich
ist den Händlern in den ganzen Jahren nicht entgangen,
dass hier auch viele Touristen durchkommen und bieten nebenher
auch zahlreiche Souvenirs an, nicht jedoch zu vergleichen mit
typischen Souvenirladen oder dem „Temple Street Night
Market".

Nur wegen diesem Markt hier her zu kommen, ist sicherlich
nicht für jeden Besucher Hongkongs lohnenswert, doch wer
auf eigene Faust durch Hongkong streift und damit sich seine
Zeit selbst einteilen kann, der kann es wie ich gut mit einem
Besuch des „Bird Garden“ verbinden.
Der Jade Markt
Ganz gleich, welche Reisebeschreibung man ließt oder
welchen Reiseführer man zwischen die Finger bekommt – der
Jade Markt wird immer erwähnt. Auch habe ich genug Menschen
getroffen, die mir davon vorschwärmten, als wäre
es das größte Highlight von Hongkong.
Der kleine, überdachte Jademarkt lohnt einen Kurzbesuch,
auch wenn man nichts kaufen möchte (die Betonung liegt
hier allerdings auf „kurz“).

An Dutzenden von Ständen werden Schmuck, kleine Tiere
(viele Stellen die chinesischen Tierkreiszeichen dar) und Perlen
aus Jade verkauft. Zwar gibt es hier wenig echte Schnäppchen,
doch findet man günstige Jade, sofern man nur einfachen
Schmuck sucht. 
Richtig gute und wertvolle Jade sollte man hier nicht suchen – rein
vom Aussehen her bieten die einen oder anderen angebotenen
Produkte dennoch sicherlich den meisten Besuchern genug.
Auch ich habe mich hinreisen lassen, etwas zu kaufen – irgendwie
ist es eben doch ein geeignetes „Mitbringsel“ für
die zu dieser Zeit in Deutschland frierenden Bekannten – und
Glücksbringer, die hier nahezu an jedem Stand angeboten
werden, kann bekanntlich jeder gebrauchen.
Heilig Abend in Hongkong
Ja, irgendwie bahnte sich der Abend bereits seltsam an. Wenn
man wie ich es jahrelang gewohnt war Weihnachten nur in
Deutschland zu verbringen, dann kann einem schon ein seltsames
Gefühl überkommen.

Ja, natürlich haben auch hier die Juweliere und Parfüm-Tempel
bis zur letzten Minute geöffnet, aber da bei einem so
geringen christlichen Bevölkerungsanteil Weihnachten in
Hongkong einfach nicht so gefeiert wird wie bei uns, musste
ja etwas Besonderes oder einfach gar nichts passieren.
Männer sind bekanntlich nicht gerade die klügsten,
wenn es darum geht, einen solchen Feiertag zu begehen. Ich
selbst gehöre – zumindest in dieser Hinsicht – auf
jeden Fall ebenfalls zu dieser Gattung Mann …
Vor lauter „Hongkong, Hongkong", hatte ich es komplett
versäumt in einem Restaurant einen Tisch für diesen
Abend, zu reservieren. Auch die Versuche meiner Freundin Sui
schlugen jetzt – kurz bevor man zum Essen gehen wollte – fehl.
Da Weihnachten auch nicht innerhalb der Familie von Sui am
24zigsten begangen wird, hatte Sie sich voll auf mich verlassen.
Eine tragischer Fehleinschätzung meiner Person, die es
nun galt, irgendwie zu meistern.

Das Hotel Peninsula – erstes Haus am Platze – war
unsere erste Anlaufstelle. Im großen Saal waren alle
Tische bereits belegt, und sicherlich war es uns auch nur aufgrund
der gehobenen Kleidungswahl auch nur möglich überhaupt
von den Sicherheitskräften des Hotels eingelassen zu werden.

Stadtplan Hongkong © hot-maps
Für mich war es das erste Mal überhaupt, dass ich
das Hotel von innen sah – ein wirklich überwältigender
Eindruck. Geblendet von all diesem Luxus, fragen wir uns durch,
ob und wenn dann wo noch ein Tisch in einem der Restaurants
zu bekommen wäre, was uns wiederum in eines der Bars des
Hotels führt.
Es ist ausgesprochen gemütlich und wir genießen
bei einem zur Ausnahme mal nicht hektischen Gespräch einen
der guten Weine des Hauses. Vertieft in unser Gespräch
und der Frage, wo wir jetzt wohl essen gehen könnten,
verrinnt die Zeit, ohne dass wir es merken.
Irgendetwas muss vor dem Haus passiert sein – zumindest
stehen mehrere andere Besucher der Hotelbar am Fenster und
sehen gebannt nach draußen – etwas, was sicherlich
jeden von uns unweigerlich ebenso zu diesem Verhalten bringt.
Mein Blick richtet sich auf die mehrspurige Straße vor
dem Hotel – doch von der Straße ist nichts zu sehen.
Unglaubliche Menschenmengen schieben sich sardinengleich am
Hotel vorbei. Die Frage nach dem, wieso und warum drängt,
sich unweigerlich auf.
„
Das ist so Tradition in Hongkong“ entgegnet mir Sui nahezu
selbstverständlich und als wäre es doch ganz normal.
In Deutschland wäre um diese Uhrzeit keine Menschenseele
in den Straßen zu sehen. Gebannt sehe ich dem Treiben
zu, ohne wirklich sagen zu können wie lange genau.
Ich fasse den Entschluss das Weihnachtsessen im Hard Rock
Cafe zu uns zu nehmen – irgendwie müsste dies bezahlbar
sein und sicherlich ist mit etwas warten auch ein Tisch zu
bekommen. Den Entschluss fest vor Augen, führe, nein wandeln
wir nahezu die große Treppe zur Hotelhalle hinunter,
hindurch durch das Restaurant in der Hotelhalle vor die Türe
des Hotels. Tausende von Augenpaaren richten sich auf das Nobelhotel
dieser Stadt – und wir beide gehen die Hotelauffahrt
hinunter, vorbei an den Rolls Royes des Hotels bis zur Absperrung
zur Straße. Ein Gefühl, was sonst sicherlich nur
Stars bei öffentlichen Auftritten vorbehalten ist …
Wir reihen uns in die Menschenmassen ein und versuchen die
wenigen hundert Meter bis zum Hard Rock Cafe hindurchzukommen – das
dümmste, was einem in diesem Moment einfallen konnte.
Die Straßen sind menschliche Einbahnstraßen geworden,
was durch die Polizei auch entsprechend überwacht wird.
Um die Straßenseite zu wechseln, muss man manchmal um
einen ganzen Block laufen oder die Labyrinthe der Einkaufspassagen
kennen. Wie lange es gedauert hat, bis uns nur wenige Meter
vom Hard Rock Cafe trennten, kann ich nicht mehr sagen – aber
es war seeehr lange …

Wir hätten trotz eines Einganges in Sichtweite wieder
um einen ganzen Häuserblock wandeln müssen, um durch
zu kommen, was uns dazu bewegte es über einen doch sicherlich
vorhandenen Seiten- oder Hintereingang zu versuchen. Dies war
wiederum nur möglich, da ich einen Sicherheitsbeamten
von der Dringlichkeit überzeugen konnte. Er brachte uns
an einen Hintereingang, der dem Lieferanteneingang der Küche
zum Verwechseln ähnlich sah – doch gab es von hier
kein Weiterkommen. Der Manager wollte uns nicht durch die Küche
ins Lokal lassen, welches so oder so vollkommen überfüllt
war. Hätte ich doch Sui besser verstanden und wäre
mit Ihr im Peninsula geblieben … Männer und Zuhören …
Mann hätte fast schon aufgeben können ein richtiges
Restaurant zu finden, indem auch noch ein Tisch zu bekommen
war, wenn nicht in einer der kleinen Seitengassen nicht plötzlich
eine Pizzeria aufgetaucht wäre. Nein, nicht eine Pizzeria – ein
richtig italienisches Restaurant. Ein Restaurant, das auch
noch einen Tisch frei hatte – das Weihnachtsgeschenk
von Hongkong …
Als wir das Restaurant verlassen, haben sich die Menschenmassen
verlaufen – ein Heimkommen war kein Problem mehr, abgesehen
davon, dass vielleicht der Wein etwas zu gut geschmeckt hat …
Auch wenn im Nachhinein betrachtet ich zu dumm war den Wunsch
im Peninsula zu essen von mir überhaupt nicht verstanden
wurde – der heilige Abend in Hongkong war und wurde etwas
Besonderes. Ein Erlebnis, welches ich sicherlich nie vergessen
werde. Sollte ich wieder einmal zu Weihnachten in Hongkong
sein und sollte es mir erneut gegönnt sein diesen Abend
dann mit Sui zu verbringen, dann werden ich rechtzeitig im
Peninsula reservieren – Dinner For Two
Anmerkung – Sui, lese diese Zeilen – es ist ein
Versprechen. |