Wir – die ganze in Hongkong lebende Familie
von Sui und meine Wenigkeit – treffen uns am Hauptbahnhof
in Hongkong. Die Tickets für den Zug hat der Bruder von
Sui bereits vor Tagen reserviert, denn über Weihnachten
fahren viele ins Hinterland um Ihre Verwanten zu besuchen – es
wäre unmöglich gewesen einfach am Ticketschalter
ein Ticket zu erwerben.
Der Bahnhof ist groß und sauber – bevölkert
von einer unmenge an Menschen die die Weihnachtsfeiertage für
einen Kurztrip nutzen möchten. Entgegen westlichen Reisenden,
ist hier der Koffer oder der Trolli wenig verbreitet. Alles
was auf die reise mitgenommen wird, steckt in Kunststofftaschen
die wir nur von IKEA her kennen – alle mit dem selben
Muster und den selben Farben. Diese sind wiederum auf kleine
Gestelle geschnürt die durch angebrachte Räder hinter
dem Besitzer hergezogen werden.
Züge fahren von 05.30-00.25 Uhr. Auf der Strecke Kowloon
- Kanton verkehren Züge der "Kowloon-Canton Railway" und
der "Chinese Railways". Abfahrt ist viermal täglich,
es gibt nur Wagen der 1. Klasse. Ein Speisewagen steht zur
Verfügung.
Alles geht sehr geordnet zu. Der Weg zum Bahngleis gleicht
bereits einer Grenze und die Zugänge sind unterteilt für
Chinesen und Touristen – ohne Visum würde man also
erst gar nicht zum Bahngleis kommen.
Mit meinem Rucksack versuche ich trotz separatem Durchgang
zu den Gleisen den Anschluss an die Familienmitglieder von
Sui nicht zu verlieren – zum Glück wartet man auf
mich und wir können gemeinsam das Zugabteil und den Sitzplatz
suchen.
Im Zug ist es relativ ruhig – die sonst so aufgeweckten
und gesprächigen Menschen sind hier im Abteil plötzlich
zurückhaltend und ruhig. Alles geht ausgesprochen geordnet
und ruhig ab. Schon vor dem Zug auf dem Bahngleis wurde jeder
Wagen von einer Zugbegleiterin „betreut“ – alles
muss geordnet und korrekt ablaufen.
Ich kann beim besten Willen nicht mehr sagen, wie lange wir
noch am Bahnhof gestanden sind, aber es kam mir sehr, sehr
lange vor. Stehplätze wurden keine vergeben – wer
ein Ticket hatte, der hatte auch einen Sitzplatz.
Als sich der Zug in Bewegung setzte, ging die Fahrt durch
die „New Territories" bis nach „Shenzhen" – die
erste Stadt nach der Grenze zu China. Auch wenn sich „Shenzhen" gewaltig
entwickelt hat, so hat man aus dem Zug bereits die ersten Eindrücke,
dass es nun in eine Region geht die so ganz anders ist als
Hongkong.
Ich bin schon lange nicht mehr mit einem Zug gefahren – und
vor allem nicht so lange. Während der Fahrt wurden Speisen
und Getränke durch das Zugpersonal angeboten. Die Preise
waren im Vergleich zu deutschen Zügen natürlich sehr
preiswert, aber es empfiehlt sich das eigene Reiseproviant
mitzunehmen – schon allein aus rein geschmacklichen Gesichtspunkten.
Auch an die Dauer der Fahrt kann ich mich leider nicht erinnern – vielleicht
weil es nie langweilig wurde im Zug. Durch meine Begleiter
(nun ja, eigentlich war ich ja der Begleiter …) hatte
ich eine sehr interessante und abwechslungsreiche Unterhaltung.
Ankunft in „Fu Shan“
Wir kommen an unserem Zielbahnhof an. Obwohl wir bereits ein
ganzen Stück im Landesinneren sind (natürlich nicht
gemessen an der Größe Chinas) kommt erst jetzt unsere
eigentliche Grenzkontrolle für China.
Die Abfertigung an den Durchgängen ist zumindest für
mich als westlichen Besucher wesentlich „kälter“ als
bei der Einreise nach Hongkong. Pässe und Visa werden
studiert, nichts gesprochen – bis man schlussendlich
auch passieren darf und in die Bahnhofshalle gelangt.

Vor dem Bahnhof werden wir bereits vom eigentlichen Familienoberhaupt – dem
Vater von Sui erwartet. Er hatte ein Taxi in Form eines Kleinbusses
für uns organisiert. Sichtlich stolz auf „seine“ Besucher
organisierte er die Sitzplatzverteilung im Kleinbus. Er möchte
so schnell wie möglich weiter, denn bis zu seinem Heimatdorf „Tong
Qi“ ist es noch eine relativ lange Fahrt.
„
Tong Qi“ – am Ende der Welt?
Wir kommen schon spät am Abend in „Tong Qi" an – der
weg führte uns nicht nur über große, breite,
gut ausgebaute Straßen, sondern auch über Wege,
die man bei uns bestenfalls als bessere Feldwege bezeichnen
würde.
Selbst die „Hauptstraße" von „Tong Qi" ist
nicht viel Breiter als der Kleinbus, in dem wir sitzen – würde
uns ein Auto entgegen kommen (was allerdings hier schon fast
ein Ereignis wäre), dann müsste einer der Wagen solange
rückwärts fahren, bis es eine Ausweichmöglichkeit
gibt.
Zwischen den Häusern in „Tong Qi" ist es wiederum
unmöglich mit dem Auto zu fahren. Die Wege sind gerade
einmal so breit, dass man hier nur mit einem Motorroller (der
hier ebenfalls bereits Luxus ist) oder einem Fahrrad fahren
kann.

Das Haus von unserem Gastgeber liegt direkt an der „Hauptstraße“ von „Tong
Qi“. Da es hier keinen Straßenverkehr gibt, gibt
es auch keine Lärmbelästigung. Die meisten Häuser
in „Tong Qi“ sind zusätzlich von einer Mauer
umgeben. Auch wenn im Dorf selbst keiner vor dem anderen Angst
haben muss – nachts, vor allem bei Abwesenheit – kann
es jedoch auch hier, nahezu am Ende der Zivilisation zu Diebstählen
kommen.
Stolz zeigt unser Gastgeber das ganze Haus – selbst
von seiner Familie haben noch nicht alle den derzeitigen Zustand
und die Einrichtung gesehen. Ich selbst habe mich auf viel
eingestellt – aber was ich angetroffen habe übertrifft
meine Erwartungen. Vor meiner Reise wurde ich extra noch von
Sui „gewarnt“, dass ich nicht zu hohe Erwartungen
haben soll, da der Lebensstandard sehr niedrig und die Verhältnisse
somit sehr einfach sind. Alle Zimmer und Kammern wurde für
unseren Besuch herausgeputzt. Selbst oben unter dem Dach, wo
sonst nur der Reissilo der Familie ist, steht jetzt ein großes
Bett aus Kisten, Brettern und einer Matratze – immerhin
sollen die Besucher auch ihr eigenes Zimmer haben.
Es ist reichlich spät geworden – wir als Gäste
haben unsere Gastgeschenke verteilt – aber es wäre
unhöflich den Gästen gegenüber nicht eine angemessene
Mahlzeit anzubieten. So komme ich heute zum ersten Mal zu sehen,
wie hier auf dem Lande gekocht wird.

Auch wenn das Haus über eine Küche verfügt,
findet nun alles im Innenhof des Hauses statt. Die Arbeit machen
hier noch die Frauen – was unser Gastgeber auch sehr
genau nimmt. Er selbst kocht nur den Reis und den Tee – als
Chef des Hauses kann er sich dies auch aussuchen.  Jeder, auch noch so schöne und eindrucksvolle Tag geht
einmal zu Ende – und ich werde die erste Nacht in China
selbst verbringen … |