Rund um "Tong Qi"
Die
Luftveränderung zwischen Hongkong und "Tong
Qi" scheint müde gemacht zu haben – oder es
war die Aufregung, die mich auf der gestrigen Fahrt begleitet
hat – zumindest habe ich sehr gut geschlafen und bin
vollkommen zeitlos irgendwann am Morgen aufgewacht.
Natürlich sind die sanitären Möglichkeiten
hier vollkommen andere als in „meinem" Hotel in
Kowloon – aber das wusste ich ja bereits vor meiner Abreise
nach "Tong Qi". Ja, ich gebe zu, es war etwas ungewohnt – aber
auf meine morgendliche Toilette möchte ich auch hier nicht
verzichten.
Frisch gerichtet (kein wunder frisch, war doch das Wasser
alles andere als warm, welche ich für meine Morgentoilette
hatte) begebe ich mich in den Innenhof des Hauses. Meine Gastgeber
sind bereits wach und ich werde wohl auf meinem geliebten Kaffee
auch an diesem Morgen nicht verzichten müssen.
Der Innenhof ist noch geschlossen und mich treibt die Neugier
zu wissen, was jetzt am frühen Morgen wohl hinter den
Mauern des Innenhofes passiert. Dass bereits ein geschäftiges
Treiben im Dorf ist, ist nicht zu überhören. Könnte
ich nur chinesisch und verstehen, was alles gesprochen wird.
Ich öffne also einer der Türen, um vor das Haus
zu gelangen – und das Erste, was ich sehe – ein
Wasserbüffel mit Ihrem Jungen, welche mich beide neugierig
anschauen … Was für ein Morgen – und was für
ein Schreck auf nüchternen Magen …

Ok, die Straße ist nicht nur durch Wasserbüffel
belebt – auch die Bewohner des Dorfes sind in den kleinen
Gassen zwischen den Häusern unterwegs – und es scheint
so als würden alle Ihr Frühstück mit sich herumtragen.
Ok, es hat sich herumgesprochen, dass Besucher in der Nacht
ins Dorf gekommen sind – und es hat sich herum gesprochen
dass ein blonder „Kwai Lo" (das bedeutet so viel
wie „männlicher Geist" und damit ist die Gattung
der männlichen weißen Europäer oder Amerikaner
gemeint) dabei ist. Immerhin, das hat man mir bereits im Vorfeld
angekündigt, hat noch nie ein „Kwai Lo" das
kleine Dörfchen "Tong Qi" besucht …
Ja, der „Kwai Lo“ scheint eine Attraktion hier
im Dorf zu sein – das ist deutlich zu spüren – vor
allem die Kinder sind äußerst neugierig … Zu
nahe oder gar anfassen möchte mich aber keiner der Einheimischen – Geister
sind eben doch etwas, von denen man sich etwas entfernt hält …
Ich bin zum Glück nicht das oder der Einzige, der an
diesem Morgen die Aufmerksamkeit der Bewohner geschenkt bekommt.
Eine fahrende Bäckerin ist zwischen den Gassen mit Ihrem
Fahrrad unterwegs und bietet Ihre Backwaren an.

Ok, ich gehe dann doch einmal zurück in den Innenhof
meines Gastgebers – sind doch inzwischen alle im Hause
aufgewacht und ich kann meinen Kaffee und mein Frühstück
zu mir nehmen, bevor es an die heutigen Ausflüge geht.
Auf den Markt in "Yong Ping"
Natürlich wollen unsere Gastgeber nur das beste für
Ihre Gäste und so soll es heute früh erst einmal
auf den Markt gehen – alles muss frisch sein und zudem
ist ein solcher Markt auch für die Kinder aus Hongkong
und natürlich für den „Kwai Lo“ eine
Attraktion.

Der Markt in "Yong Ping" bietet einfach alles was
für das Leben hier auf dem Lande wichtig ist. Nicht nur
Nahrungsmittel werden hier an zahllosen Ständen angeboten,
sondern auch Kleidung, Werkzeug, Tabak, Haushaltswaren … einfach
alles.

Auch wenn ich schon so manchen Markt in Hongkong gesehen habe – dieser
ist einfach anders, größer und irgendwie noch beeindruckender.
Wie für mich der Markt eine Attraktion ist, so bin ich
in "Yong Ping" eine Attraktion. Auch wenn ich hier
nicht unbedingt der erste „Kwai Lo" bin, so ist
es doch hier ungefähr genauso selten wie der Besuch des
Weihnachtsmannes …

Die Familien von Sui konzentriert sich auf das Einkaufen der
frischen Zutaten für das heute Mittagessen, während
ich mich darauf konzentriere zu fotografieren. Erstaunlicher
weiße finden es die meisten sogar richtig toll fotografiert
zu werden.


Erstaunlich, was ein „Kwai Lo“ alles kann …
Ja, man staunte nicht schlecht, als ich an einem Stand für
Tabak vorbei kam und auch welchen kaufen wollte. 500 Gramm
Tabak wurden hier für gerade einmal 1 Yuan angeboten – dies
entspricht in etwa 10 Cent – Preise, von denen Raucher
in Deutschland nur träumen können. Man muss sich
die Zigaretten jedoch selber drehen und das Zigarettenpapier
ist nicht gummiert. Wer jedoch schon einmal Zigaretten selbst
gedreht hat, wird auch mit diesem Problem fertig und von einem
Moment zum anderen zum Star in "Yong Ping".
Alle die in der Nähe des Standes waren, scharten sich
plötzlich um mich herum und wollten sehen, ob ich auch
wirklich eine rauchbare Zigarette zusammen bekommen würde – und
staunten nicht schlecht, als ich kurz darauf die ersten Züge
der selbst gedrehten Zigarette genießen konnte …
Das Kloster von " Lu Bao".
Nach unsrem Einkauf ging die Fahrt weiter zu einem Kloster
in " Lu Bao". In dieser Region wohl die größte
Anlage dieser Art und auch für einen Touristen wie uns
wirklich sehenswert.

Auch wenn dieser Teil Chinas nicht gerade touristisch erschlossen
ist (europäische Touristen habe ich nie zu Gesicht bekommen – genauso
wenig wie andere), so muss zur Besichtigung des Klosters Eintritt
bezahlt werden. Schon von außen ist jedoch ersichtlich,
dass es sich hier nicht „nur" um einen kleinen Tempel,
sondern wirklich um eine komplette Klosteranlage handelt.

Es ist ganz anders als die Anlagen in Hongkong, auch wenn
der Baustil aufgrund der religiösen und kulturelle Nähe
natürlich Parallelen zulässt. Als Besucher kann man
in Ruhe den größten Teil der Klosteranlage besichtigen
und nahezu ungehindert begehen.
Die Gebetskette
Ja, ich gebe zu, dass auch hier mich in „Schlüsselereignis" ereilte.
Beim Fotografieren wurde ich plötzlich von einem Mann „aufgehalten".
Der freundliche Mann sprach jedoch nur chinesisch, was zunächst
zu einigen Probleme führte. Erst als Sui hinzu kam, um
gegenseitig zu übersetzen, wurde klar, dass es nicht verboten
war, zu fotografieren, sondern es dem freundlichen Mann nur
wichtig war, dass ich mir im Klaren bin dass so manches, was
ich hier sehe und fotografiere nicht ganz richtig ist.
Leider wurden große Teile des Klosters im Zuge der chinesischen
Kulturrevolution zerstört und erst Jahre später wieder
gerichtet – allerdings falsch und nicht getreu den Buddhistischen „Vorgaben“.
Da ich mich im Vorfeld viel über China informierte, wusste
ich, wovon der Mann (der anscheinend der „Abt" des
Klosters war) sprach und wir vertieften unser Gespräch.
Sui hatte viel zu übersetzen – und auch die anderen
Familienmitglieder kamen langsam zu unserem Gespräch hinzu.
Ein Gemisch aus Deutsch, englisch und chinesisch machte jetzt
die Runde …

Am Ende unseres Gesprächs zog der Mann seine Gebetskette
heraus und gab sie mir – es sei ein Geschenk für
mich. Er übergab mir die Kette mit den Worten „a
mi tou fu" – was soviel bedeutet wie „finde
deinen Frieden". Dies solle ich auch in Gedanken oder
laut sprechen, wenn ich Kugel für Kugel der Gebetskette
durchgehe und meditiere …
Vielleicht nutze ich die Kette zu selten, oder ich habe ein
anderes Verständnis, was meinen Frieden angeht – zumindest
glaube ich nicht das Ich diesen wirklich bis heute gefunden
habe …
Der Markt in "Lu Bao"
Es geht weiter nach " Lu Bao" – auch hier ist
ein Markt – größer als der in "Yong Ping".
In Hongkong ist es verboten Hunde zu essen – hier auf
dem Lande ist das Etwas anderes. Im Vorfeld habe ich schon
gefragt, was es denn damit auf sich hat und die Erklärung
war eigentlich ziemlich einfach. Hundefleisch ist das billigste
Fleisch, welches (zumindest in diesem Teil Chinas) zu bekommen
ist. Es würde nicht besonders schmecken hat man mir zudem
erklärt – sicherlich ein Grund, warum es trotz vieler
Vorurteile nicht gerade beliebt ist.
Hier auf dem Markt in "Lu Bao" kann ich es dann
zum ersten Mal mit eigenen Augen sehen – an einem der „Stände" (allerdings
weit abseits vom eigentlichen Markt) konnte man Hundefleisch
kaufen. Der „Metzger" war gerade dabei den Hund
zu zerlegen, als ich hinzukam. Es scheint ihm nicht sonderlich
gefallen zu haben, dass ich mit meiner Kamera vorbei kam, denn
er stellte sein Handeln umgehend ein.

Auf dem Markt selber – als mitten im Geschehen – konnte
man dies nicht beobachten. Lediglich die Gewürze für
eine entsprechende Zubereitung konnte man erwerben. Auch wenn
es Eigentliche nicht der traditionellen chinesischen Küche
entspricht, haben auch hier Fertigmischungen den Einzug in
die Küchen angetreten. Einer dieser Gewürzmischungen
dient eben der Zubereitung für „Hund".



Entgegen dem Markt in "Yong Ping" ist hier auch
der größt Teil des Marktes überdacht und auch
um den „Marktplatz“ herum bieten Händler aller
Art Ihre Waren feil.

Was mich mindestens genauso stutzig machte wie die Würzmischung
für Hund, war ein Telefon, welches mitten auf der Straße
auf einen Stuhl gestellt war. Wer würde schon sein Telefon
mit einer derartig langen Telefonleitung einfach so „mitten" auf
den Markt stellen? Die Erklärung war im Grunde ganz simpel – es
war sozusagen die Telefonzelle von "Lu Bao". Einer
der Händler hatte eben einen Telefonanschluss was anscheinend
nicht viele in "Lu Bao" haben – und kann somit
ganz nebenbei noch einen „Call-Shop" betreiben …



Zurück in "Tong Qi"
Das gesellschaftliche Leben in "Tong Qi" spielt sich
auf dem Marktplatz vor dem „Supermarkt" ab. Der
Marktplatz ist im Grunde eine kleine befestigte Stelle mitten
im Dorf, auf dem nie ein Markt stattfindet und der Supermarkt
eine besonders kleine Form eines „Tante Emma Ladens" der
zum wirklichen Einkaufen und Versorgen des Dorfes auf keinen
Fall ausreichend Waren anbieten kann. Den Dorfbewohnern scheint
es zu reichen – glücklich scheinen die Menschen
ebenfalls zu sein – und wir waren willkommene Gäste,
die sicherlich die größte Abwechslung seit Bestehen
des Dorfes bereiten …

Tausende und abertausende von Gänsen und Enten stellen
den größten teil der Bewohner von "Tong Qi" dar.
Rund um "Tong Qi" herum findet man zahlreiche Farmen,
in denen die Enten und Gänse für die umliegenden
Regionen gezüchtet werden. Es scheint ein regelrechter
Exportschlager des Dorfes zu sein.

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