Fast schon "Tradition" ...
Nachdem in den letzten Tagen mich die Bedienungen
im Hotel nicht gesehen haben, werde ich heute fast schon besonders
freundlich an meinen zwischenzeitlich festgelegten Platz gebracht.
Ich schein mich wohl zu oft hier an diesen Tisch umgesetzt
zu haben, dass er heute mir schon umgehend „zugeteilt" wurde.
Ebenfalls, wie schon am Anfang meiner Reise, habe ich wieder
jede Menge Unterlagen bei mir, die ich zusammen mit Sui während
des Frühstückes studiere.
Es wird viel über Lantau Island und den größten
freistehenden Buddha geschrieben – und es macht fast
den Eindruck, dass wirklich jeder der nach Hongkong kommt,
an diesem Ort nicht vorbei kommen zu scheint.
Es ist noch sehr früh am Morgen und eigentlich wollen
wir uns gar nicht so viel Zeit lassen, um nach Lantau zu kommen.
Wer früh dort ist, der hat kürzere Wartezeiten beim
Bus und beim Buddha – ein Grund mehr sich zu beeilen.
Wir nehmen wieder (wie fast jedes Mal wenn wir von Kowloon
nach Central wollen) die Star Ferry – das Verkehrsmittel
welches Sui tagtäglich verwendet hat als Sie noch in Kennedy
Town wohnte und in Kowloon arbeitet.
Am Star Ferry Pier in Central angekommen, ist es nicht weit
zu den Piers der Fähren oder Schnellboote, die nach Lantau übersetzen.
Die relative kurze Wartezeit nutzen wir, um das in der Morgensonne
liegende Hongkong zu genießen.

Es scheint so, als hätte ich relativ oft mein Zeitgefühl
in Hongkong verloren, denn wie lange die Überfahrt nach
Lantau dauerte, kann ich beim besten Willen nicht beantworten.
Vielleicht lag es an meiner hübschen Begleiterin, vielleicht
an dem Wunsch wirklich alles was ich hier erlebe regelrecht
in mich aufsaugen zu wollen. Auf jeden Fall war es eine wunderschöne Überfahrt
und wir waren trotz reichlich vorhandenem Platz im Inneren
der Fähre (wir hatten kein Schnellboot) die komplette
Zeit auf dem hinteren Deck – immer im Blick das immer
kleiner werdende Hongkong. Alles in allem wird es jedoch entsprechend
den von mir gelesenen Reiseführen, nicht viel länger
als eine Stunde gedauert haben.

Von "Silvermine Bay" nach „Po Lin"
Als wir im Hafen von Silvermine Bay (Mui Wo) eintreffen, sind
wirklich noch nicht viele Menschen an dem dort ebenfalls befindlichen „Busbahnhof" anzutreffen.
Entweder wir sind wirklich früh genug hier angekommen,
oder der größte teil der Besucher nimmt die zwischenzeitlich
vorhandene Autobahn, die seit dem der neue Airport gebaut wurde,
ebenfalls Hongkong (besser Kowloon) mit Lantau verbindet. Silvermine
Bay selbst ist eine kleine Stadt mit einem kleinen Strand und
einfachen Restaurants, die meisten von ihnen sind auf Fischgerichte
spezialisiert.
Der richtige Bus zum Buddha ist schnell gefunden (die Busse
nach Po Lin fahren stündlich ab) und wir sind auch nur
Minuten später bereits auf dem Weg nach „Po Lin",
wo sich das Kloster Po Lin und der berühmte Buddha befinden.
Die Fahrt ist zugegebenermaßen nicht sehr bequem (die
Straßen sind eng, steil und verlaufen in Serpentinen,
außerdem sind die Busse schlecht gefedert), aber Sie
haben immer wieder atemberaubende Ausblicke auf die Berge und
die See.

Das Kloster Po Lin befindet sich auf dem Ngong Ping Plateau
in 450 Meter Höhe. Po Lin ist keine historische Stätte;
das Kloster wurde erst 1970 errichtet. Die Haupthalle hat zwei
Stockwerke und beherbergt drei große, goldene Buddhastatuen.
Das Dach der Halle ist sehr aufwendig mit Porzellanfiguren
und Ornamenten geschmückt. Das Kloster ist auch unsere
erste Station, denn auffällig gut sind hier zahlreiche
Schilder angebracht, die das Fotografieren eigentlich verbieten … Jetzt,
da kaum Menschen im Kloster und um das Kloster herum sind,
eigentlich die Gelegenheit …



Nachdem wir uns die Klosteranlage angeschaut haben machen
wir uns auf den Weg zu der riesigen, bronzenen Buddhastatue
draußen vor dem Kloster. Sie ist rund 40 Meter hoch,
277 Tonnen schwer und besteht aus 202 Riesenstücken Bronzeblech,
genietet auf ein taifunfestes Stahlgerüst. Der Buddha
thront 750 Meter über dem Meer am Fuße des Lantau
Peak und gilt als die größte Buddhastatue Asiens
(was ziemlich glaubhaft ist). 70 Millionen US-Dollar zahlten
chinesische Kaufleute für die Fertigstellung der Statue
(wohl voll des schlechten Gewissens, dass sie sich Buddhas
erlauchten Weg der Armut leider nicht leisten konnten).

Um zur Aussichtsplattform zu gelangen, müssen wir eine
Treppe mit vielen Stufen hinaufsteigen. Diese Mühe lohnt
sich jedoch, denn von oben haben wir einen geradezu märchenhaften
Blick über Lantau, die kleinen Inseln, die es umgeben,
und über das tiefblaue südchinesische Meer.

Das kleine Museum im Innerren bietet jedoch nicht ganz so
viel, wie wir uns als Besucher vielleicht erhofft haben – vielleicht
waren auch nur die Erwartungen an das hier Gebotene einfach
viel zu hoch.
Angemerkt werden muss, dass man auf keinen Fall am Wochenende
hierher kommen sollte, denn Lantau ist auch ein beliebtes Ausflugsziel
für die Hongkonger Bürger, sodass man viel Geduld
in den endlosen Schlangen an der Bushaltestation und am Eingang
zum Denkmal benötigt.
Natürlich, wie alles touristisch Erschlossene, haben
wir auch hier Eintritt bezahlt. Im Eintritt inbegriffen ist
eine kleine Mahlzeit im Klostereigenen vegetarischen Restaurant.
Nachdem wir unsere Tour hier eigentlich gut zu Ende gebracht
haben, eigentlich eine gute Idee bevor es weiter gehen soll
in das kleine Städtchen „Tai O", welches auf
der genau entgegengesetzten Küstenseite zu Silvermine
Bay (Mui Wo).
Genau zwischen dem Buddha und dem Po Lin Monastery, befindet
sich die Bushaltestelle, die als zentraler Knotenpunkt dient
und eigentlich auch größer ist als der kleine Busbahnhof
in Silvermine Bay (Mui Wo). Von hier aus nehmen wir den Bus
nach „Tai O", dem als kleines Fischerdorf eine regelrechter
Ruf als Touristenattraktion hat.
„Tai O" – zwischen Tradition und
Moderne
T ai O ist der größte Ort auf Lantau. Ein entsprechendes "Hauptstadt-Flair" will
sich beim Anblick der kleinen Siedlung an der Westküste
allerdings nicht recht einstellen. Die Häuser des Dorfes
haben sich ein altchinesisches Aussehen bewahrt, das man auf
Hong Kong Island oder in Kowloon vergeblich suchen würde.
Sie stehen teils auf dem Boden Lantaus, teils auf einer kleinen
vorgelagerten Insel, beide Teile sind nur durch einen schmalen
Brackwasserarm voneinander getrennt.


Fische aller Art trocknen in der Sonne und verbreiten einen
eigentümlichen Geruch.
Das Meer ist für viele Bewohner von Tai O immer noch die
wichtigste Einkommensquelle. Es ernährt die Fischer,
die Hersteller von Stockfisch, die Seafood-Restaurants, die
Betriebe,
in denen Krabbenpaste hergestellt wird und andere Kleinproduzenten.

Lantau ist fast doppelt so groß, wie Hong Kong Island,
mit 19.000 Einwohner jedoch noch vergleichsweise dünn
besiedelt. Eine Insel fast ohne Straßen, mit steilen
grünen Bergen. Wenn man die letzten Häuser von Tai
O hinter sich lässt, befindet man sich gleich inmitten
einer üppigen Natur.
Die hier angebotenen Fahrten zu den weißen Delphinen
interessieren uns auch nicht sonderlich, wir wollen nur zwischen
den kleinen Gassen schlendern und ich selbst erhoffe mir zudem
ein paar interessante Fotomotive.

Leider sind bei vielen Dingen die Preise auf Touristen ausgelegt
und ich sehe es beim besten Willen nicht ein, für eine
Muschel, die eigentlich für die Fischer „Abfall“ darstellt,
ein Vielfaches von einer warmen Mahlzeit zu bezahlen.

Das einzige Geräusch, das man bei einem Mittagsbummel
durch die Gassen von Tai-O hört, ist das Klackern der
Mahjong-Steine. Tai-O ist ein Postkartendorf, wie man es aus
dem ländlichen China kennt: ein kleiner Hafen mit kleinen
Schiffen drin, Häuser auf Stelzen, dahinter ein Gewirr
aus schmalen Gassen, in denen man über dösende Hunde
steigen muss. Die Frauen tragen Hüte wie umgestülpte
Kuchenformen aus Bambus und säubern Fische. Die Männer
hocken auf Plastikstühlen, rauchen und sehen die Fernsehnachrichten.

Wir haben genug von „Tai-O" gesehen und denken
an den Heimweg. Die Bushaltestelle, von der wir gekommen waren,
ist schnell erreicht, doch an Rückweg ist noch lange nicht
zu denken.
Zum ersten Mal seit dem Sui ebenfalls in Hongkong angekommen
ist, haben wir irgendwie Verständigungsprobleme. Nein,
nicht zwischen uns, sondern zwischen Ihr und den Einheimischen.
Keiner kann uns so recht sagen, wann der nächste Bus nach
Silvermine Bay (Mui Wo) fährt oder welchen Bus wir nehmen
müssen um irgendwo auf der Insel umzusteigen um dann nach
Silvermine Bay (Mui Wo) zu kommen. Eine etwas seltsame Situation
die uns dazu bringt einfach ein Taxi zu nehmen um nach Silvermine
Bay (Mui Wo) zu kommen – was sicherlich in dieser Situation
die beste Entscheidung war.
Die Taxifahrt ist in meinen Augen relativ lange – ich
denke der gute Mann ist einfach einmal um die halbe Insel herumgefahren.
In Anbetracht eines wunderschönen Tages stört mich
dies allerdings nicht besonders.
Im Hafen von Silvermine Bay (Mui Wo) angekommen, scheinen
wir diesmal eines der Schnellboote zu bekommen, die uns nach
Central auf Hongkong Island zurückbringen wird. Wie es
aussieht, habe ich es wirklich geschafft jedes Transportmittel
dieser Stadt verwendet zu haben – ausgenommen von Rikscha,
denn die gibt es Hongkong eigentlich nur noch als Fotomotive
für zahlende Touristen.
Der letzte Abend in Hongkong
Jetzt, da ich die Reise in Worte fasse und dokumentiere, ist
das Gefühl nahezu identisch, wie an dem Tag als es passierte.
Es war ein seltsamer Abend. Das Gefühl ein letztes Mal
in Tsim Sha Tsui am Pier zu stehen und auf die nächtliche,
noch weihnachtlich geschmückte Skyline von Hong Kong
Island zu blicken stimmt traurig. So war es auch an diesem
Abend. Klar, für mich stand fest ich würde wieder
nach Hongkong kommen – aber in diesem Augenblick war
es fast wie das Gefühl, dass es für immer sein
würde.

Die Tage hier in Hongkong waren einfach zu schön – selten
kann man auf Reisen auf so viele wunderschöne Augenblicke
zurückblicken. Selten hat man das Gefühl sich fast
schon zu Hause zu fühlen, obwohl man in dieser Stadt als
Europäer immer ein fremder sein wird.
 Ich denke ich habe es wirklich Sui zu verdanken, dass es so
wurde wie es am Anfang meiner Reise nicht zu werden schien.
War ich am Anfang fast schon überfordert mit den Eindrücken,
die mich hier ereilten, so ist es an diesem Abend richtig schmerzhaft
diese Stadt zu verlassen. Morgen, morgen werden wir nur noch
ein paar Stunden hier in Hongkong haben. Dieser Abend ist der
Anfang vom Ende einer wunderschönen Reise und einen Einblick
in das ehemalige Leben eines Menschen, den man in sein Herz
geschlossen hat … |